Brick Blog

Doc Montresors Palazzo

Kategorie: Schatulle

Die Lady und der Tramp

Lady Anastasia von Schattenfels hat mir einen Brief geschrieben! Offenbar ist es ihr gelungen, den geheimnisvollen Pfad zu meinem verwunschenen Palazzo ausfindig zu machen und einen Boten durch das schützende Labyrinth zu schicken. Sie hat also das Rätsel gelöst, dass ich ihr als Hinweis gegeben hatte.

Ich fühle mich wie ein Jüngling. Sie möchte mich treffen, doch ist der Termin noch ungewiss, denn wichtige Geschäfte halten sie ab. Voller Vorfreude und Aufregung betrachte ich oft versunken ihr Porträt in meiner Galerie und manchmal überkommt mich sogar der plötzliche Wunsch, es zu küssen. Ich erwarb es erst kürzlich von einem reisenden Händler, der sich verirrt hatte, und sie weiß nicht, dass ich es besitze. Ich vermute, dass es schon vor ein paar Jahren geschaffen wurde, doch der Schönheit dieses Gesichts könnten selbst Jahrzehnte nichts anhaben – dessen bin ich mir gewiss.

Ich werde jeden Moment genießen, den ich in ihrer Nähe sein kann, auch wenn ich weiß, dass ich ihrer nicht würdig bin. Ein Verbannter in einem verwunschenen Palast und eine Lady ihres Ranges, dekoriert mit Titeln, höchsten gesellschaftlichen Verbindungen und Verpflichtungen – das kann nicht gutgehen. Mir wird nur der Moment bleiben – und ihre Briefe.

Der Oheim und die Mauern

Es lässt mich einfach nicht los. Schon zwei Stunden schleiche ich virtuell um meine Schatulle herum und überlege, ob ich etwas hineinlege. Es ist eine paradoxe Schatulle, und das irritiert mich nach wie vor: Wenn ich etwas hineinlege, dann kann es theoretisch jeder sehen. Nur wenn ich es nicht hineinlege, dann bleibt es geschützt und geheim. Warum sollte ich also etwas wertvolles hineintun? Das verfehlt ja total den Sinn eines Schatzkästchens…
Der Oheim hatte gestern Geburtstag. Am Telefon klang er ganz munter, hatte sich ein Süppchen gekocht und der Dinge geharrt, die da noch am ausklingenden Tage kommen würden. Er lebt von Tag zu Tag, sagt er, seit es für ihn nicht viel mehr Zukunft gibt als den jeweils nächsten Tag. Ich denke oft an ihn, aber ich besuche ihn fast nie, deshalb habe ich manchmal ein extrem schlechtes Gewissen. Ein Eigenbrödler war er schon immer, um Hilfe hat er nie gebeten und wollte das auch nie. Alter Dickkopf. Ich mag ihn. Das Schicksal hat ihm schwer zugesetzt, aber er trotzt den Pfeilen noch immer – und das mit einer Vehemenz, die seinesgleichen suchen muss. Sein Lebenswille ist ungebrochen, soweit ich das mitbekomme, auch wenn er immer mehr auf den Rollstuhl angewiesen ist.
Ich glaube, wir leben beide am liebsten in unseren eigenen, kleinen Reichen, auch wenn er schon viel mehr von der Welt gesehen hat als ich – und das wohl auch genossen und ausgekostet hat. Bei mir hat es leider noch nicht dazu gereicht, aus welchen Gründen auch immer. Eines Tages werde auch ich es schaffen, mein Verlies zu verlassen – das klingt komisch. Ich meine die virtuellen Gemäuer endlich hinter mir zu lassen, die mich gefangen halten in meinem kleinen Aktions- und Lebensradius.
Noch glaube ich daran.